von Benjamin Franz-
TITEL ÜBERSICHT FOTOS IMPRESSUM
       
Wild, aber Hieb- und Stichfest

Die Brüder Ernst und Sigi Wild pfle- gen seit Jahrzehnten eine kleine aber feine Fechtgemeinde in der Drachen- stichstadt. Talente aus der Further Fechtschmiede brachten es bis zu Bayrischen Meisterehren.

Einer gegen alle, alle gegen einen. Immer wieder gelingt es dem Be- drängten, die Attacken der drei Geg- ner zu parieren. Krachen die Stich- und Hiebwaffen aufeinender, erinnert

 
Ernst Wild
Sigi Wild
 
   
 
   
Fotos in den Ecken weiterklicken
auch das typische klirren desStahls an ein Mantel- und Degenscharmüt- zel. Die Kontrahenten tragen jedoch keinen Waffenrock und auch werden hier Säbel statt Degen gekreuzt. Ei- nem legendären Musketier gleich, vermag sich der viel Attackierte das schneidige, aber wohl unerfahrene Trio vom Leib zu halten. Das unglei- che Duell wird zur Lehrstunde. Nach belieben verteil er mit seiner Klinge Lektionen. Um sein Leben fürchten, wie einst die Gegnerschaft der könig- lichen Leibgarde, muss in der Further Dreifachturnhalle keiner. Treffer ma- chen sich nicht durch klaffende Wun- den bemerkbar, sondern schrille Töne und Lichtsignale kommentieren und unterbrechen die Waffengänge. Auch von Klingen kann eigentlich nicht die Rede sein, vielmehr ist das 88 Zenti- meter lange, sehr flexible und stum- pfe Stahlvierkant als Schnittwerkzeug völlig unbrauchbar. Berührt eine Waf- fe die Schutzkleidung des Gegners, schließt sich ein Niedervolt-Strom- kreis und vermeldet untrüglich einen Treffer.

Längst trägt man auf dem Haupt auch keinen ausladenden Filzhut mit Fe- dergarnitur sondern blickt durch ein stichfestes Drahtgeflecht. Erst als die Stichelei zu Ende ist und die Kontra- henten ihre Masken abnehmen, kom- men verschwitzte Gesichter zum Vor- schein. Der da so meisterlich, in schwarzer Kluft mit der Waffe umzu- gehen weiß, entpuppt sich als das Urgestein des Further Fechtsports. Ernst Wild gehörte mit seinem Vater zu den Ersten die nach dem Krieg, als es die Anleierten wieder erlaub- ten, zu Säbel, Degen und Florett griffen. Der jüngere Bruder Sigi ließ

 
sich auch anstecken. Seither ist der Fechtsport im Grenzland fest mit der Familie Wild verknüpft. Die drei No- vizen in weißer Montur haben eben- falls die Schutzmasken abgenom- men. Dem betagten Trainer hängen die Jungspunde jetzt an den Lippen, wenn er die zurückliegenden Attac- ken und Paraden analysiert. Sein Bruder Sigi müht sich derweilen im Florettkampf. Eine junge Frau steht im gegenüber. Die 14 Meter langen „Planche“, sozusagen der Boxring für Fechtsportler, begrenzt das Aktions- feld. In Hüfthöhe am Rücken laufen die Kabel der Trefferanzeige aus dem Florett, der Maske und der Schutz- weste zusammen. Die meterlange Leitung reicht bis an die jeweiligen Enden der „Planche“. Damit sich keiner im Kabelsalat verstrickt, ver- kürzt und verlängert sich die dünne Leitung über Rollen automatisch. Die Kontrahenten beäugen sich. Tippeln im Ausfallschritt vor und zurück. Mit einigen Finten auf beiden Seiten wird dem Gegenüber auf den Zahn gefühlt. Dann eine blitzschnelle Hiebattacke. Sigi kann parieren, ihr Stoß trifft nur sein Bein. Keine Punkte, die Treffer- fläche, nur der Rumpf, ist genau de- finiert. Dann beginnt das Belauern wieder von Neuem. Männer und Frau- en kreuzen nur im Training die Klin- gen. „Hütte dich vor einem Weib mit Schwert“ , mahnt eine alte Fecht- weisheit und belegt den Respekt vorm gar nicht so schwachen Ge- schlecht. Die Schnelligkeit lässt im Alter nach, aber das machen die bei- den Wild Brüder mit der immensen Erfahrung wett. Taktieren, den Geg- ner berechnen, die Chance abwarten, erkennen und nutzen können. „Fech-
ten ist wie körperliches Schach, aber
 
bedeutend aufregender. Es schärft und reinigt den Geist.“ , schwärmen die Anhänger und der Zweikampf ist so gut wie verletzungsfrei. Kein de- moliertes Gesicht, keine ausgekugel- te Schulter, kein Kreuzbandriss. Al- lerdings gibt es auch Unfälle. Ein russischer Olympiasieger starb 1982, weil die geborstene Klinge seines Kontrahenten sich durch die Maske in sein Auge bohrte. Auch Ernst Wild bekam eine gebrochene Waffe zu spüren, die durch seine Weste stach und glücklicherweise von seiner Rip- pe aufgehalten wurde. „Seither ist das Material aber zuverlässiger gewor- den.“ , beteuert der Fechtsenior. Vor 16 Jahren belegte er in Lüttich bei den Senioren-Europameisterschaften im Florett Platz 6. Aber auch viele hoffnungsvolle Talente hat der Ernst Wild im laufe der Jahrzehnte hervor- gebracht, Bayrische Mannschafts- meister und Einzeltitel im Jugend- und Juniorenbereich. „Doch Manchen treibt dann das Studium, oder der Beruf in die weite Welt hinaus und wir hier in Furth müssen dann wieder von ganz Vorne anfangen.“, konstatiert er nüchtern. Heute hat der Fechtmeister wieder eine Hand voll viel versprech- ender Eisen im Feuer, auch wenn die noch viele Lektionen einstecken müs- sen. „Ich werde mein Bestes tun.“ , verspricht der 72 Jährige.