von Benjamin Franz-
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„Nach dem Spiel“…

…“ist vor dem Spiel“. Ob Sepp Her- berger mit seiner Weisheit, auch an Sisyphos dem legendären Ballschlep- per der griechischen Antike dachte? Nach einem Disput mit dem Unpartei- ischen (Zeus) wurde Sisyphos nicht nur vom Platz gestellt und in die Sta- dionkatakomben verbannt, sondern auch mit einer schier unlösbaren Auf- gabe betraut. Er muss fortan sein rundes Spielgerät eine steile Berg- flanke hinauf treiben. Und wann im- mer Sisyphos dann mühselig den Gipfel erreichte, kullerte seine Aufga- be wieder ins Tal zurück. Ein immer wiederkehrendes Spiel, denn Geome-

 
     
 
     
trie und Gravitation sehen es nicht vor, dass Rundes, und „Der Ball ist rund!“ stellt Sepp Herberger philoso- phisch fest, auf einer Spitze zur Ruhe kommt. Sisyphos aber gibt nicht et- wa klein bei oder erschöpft auf. Pflichtbewusst, unbeugsam, mit Dis- ziplin und Kampfgeist lässt er sich nicht beirren. Auch wenn er schwitz- ende Gefahr läuft, durch einen Wet- terumschwung in der Gipfelregion zu erfrieren. Auch wenn die Spritze, die ihn schneller macht, nicht nur Geld verschlingt, sondern das Leben kos- ten kann. Und auch wenn Egoismus, Ehrgeiz und der unstillbare Hunger nach Bestätigung, den Helden zu Höchstleistung treibt, das zwischen-menschliche aber nieder trampelt, verkörpern Männer wie der tapfere Hellene, die Prinzipien der Leistungs- gesellschaft. Sie werden in Gold auf- gewogen, verehrt wie Halbgötter und auf Händen getragen. Als leuchten- des Beispiel für weniger Motivierte.
 
Wenn zwei Böcke sich auf die Hinter- beine stellen, Haupt und Gehörn im- mer wieder krachend ineinander fahr- en lassen, bis letztlich Einer benom- men das Weite sucht, beschreiben wir das als natürliche Selektion. Die „humane“ Variante lässt gigantische Oberschenkel die Bergpässe hinauf- strampeln, bis die keuchende Spreu sich vom Weizen trennt. Wohl wis- send, dass die eigene Sippe, die in Stammesfarben das Schlachtfeld oder den Pfad der Leiden säumt, zu den Verlierern äußerst gemein sein kann. Deswegen mag man an die Niederlage erst gar nicht denken. Ein Sieg muss her, koste es was es wol- le. Schenken uns die Heroen einen solchen, steigt auch das Selbstbe- wusstsein der Gefolgschaft. Und dem muss natürlich Ausdruck verliehen werden. Viele beschränken sich auf den lärmenden Autokorso, der zu später Stund, durch die Innenstädte führt, um auch die schon schlafenden
 
Mitmenschen am Triumph teilhaben zu lassen. Bei Anderen werden im Freudentaumel unverhofft kreative En- ergien freigesetzt. Während üppige Kriegsbemalung vielleicht nur die ei- gene Haut reizt, bemüht der illegale Farbniederschlag auf dem Kulturgut die öffentliche Kasse und letztlich wieder uns alle. Die rostbraune Ku- gel, die seit zwei Jahren an der B85 bei Untertraubenbach von der Berg- flanke ins Tal zu kullern droht, wird die Farbattacke geduldig ertragen. „Der Ball hat immer die beste Kondi- tion!“, stellte Sepp Herberger noch fest und das wird ganz sicher auch für ein zwei Tonnen schweres Stahl- exemplar gelten.